* 40 *

40. Beetle im Turm

 

Beetle

Septimus öffnete die Tür des Besenschranks und spähte hinaus. Er wartete, bis mehrere Gewöhnliche Zauberer, die sich übers Wetter unterhielten, vorbeigeschlendert waren, dann schlüpfte er mit Beetle hinaus. Als Marcias Lehrling hatte er alles Recht der Welt, sich in dem Besenschrank aufzuhalten, wenn er wollte, doch er wollte nicht, dass ein paar neugierige Zauberer sich in endlosen Vermutungen darüber ergingen, was der Lehrling der Außergewöhnlichen Zauberin dort wohl zu suchen hatte.

»Komm, Beetle«, sagte er.

Beetle antwortete nicht. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den bunten Fußboden. »Er hat meinen Namen geschrieben!« Seine sonst raue Stimme quiekte aufgeregt. »Der Fußboden hat meinen Namen geschrieben. Da stand WILLKOMMEN, BEETLE. Wirklich sehr merkwürdig.«

»Das tut er immer«, sagte Septimus leichthin und vergaß dabei, wie erstaunt er selbst beim ersten Mal gewesen war.

»Und jetzt steht da WILLKOMMEN, PRINZESSIN. Ist sie auf dem Weg hierher, Sep? Kommt sie wirklich?« Beetle hatte Jenna oft durch die Zaubererallee gehen sehen, aber er hätte sich nie träumen lassen, dass er sie eines Tages kennen lernen würde.

»Wer, Jenna? Glaube ich nicht. Sie ist vorhin nach Hause.«

Die silberne Tür des Turms schwang auf, und zu Beetles Erstaunen stand da Jenna, deren Gestalt sich gegen das helle Sonnenlicht abhob. Im ersten Moment war auch Septimus überrascht. Aber nicht über das Erscheinen Jennas, die mittlerweile das Losungswort kannte und nach Belieben im Turm aus und ein gehen konnte, sondern über den warmen Sommertag draußen. Er hatte ganz vergessen, dass außerhalb der Eistunnel der Himmel blau war und die Sonne schien.

»Hallo, Sep«, rief Jenna. »Bitte, geh doch nach Hause zu Mum. Ich habe ihr gesagt, dass du wohlbehalten zurück bist, aber sie will sich mit eigenen Augen davon überzeugen.«

»Klar. Aber vorher habe ich noch etwas zu erledigen. Simon ist hier.«

»Simon –hier?«

»Na ja, nicht direkt hier. Er ist ... er ist da unten.« Er zeigte mit dem Finger auf den Boden.

Jenna blickte verständnislos. »Wie, unter dem Fußboden?«

Septimus senkte die Stimme. »Unter der Burg sind Eistunnel. Dort ist er. Und läuft Schlittschuh.«

Jenna lachte schallend. »Red keinen Quatsch. Mitten im Sommer!«

»Pst!«, zischte Septimus. »Das darf niemand hören.« Er lächelte den Zauberern von vorhin zu, die eben wieder zurückkamen. »Guten Morgen, Pascalle. Guten Morgen, Thomasinn. Guten Morgen, guten Morgen.«

»Guten Morgen, Herr Lehrling«, antworteten sie im Chor.

Septimus wartete, bis sie in den Sonnenschein hinausgetreten waren. »Und das ist noch nicht alles, Jen. Es ist tatsächlich wahr, Simon hat den Flug-Charm, ich habe ihn gesehen. Er hat ihn in der Hermetischen Kammer liegen lassen. Ich hatte ihn schon fast in der Hand, aber da hat sich sein Gürtel in eine Schlange verwandelt und dann ...«

»Eistunnel ... Hermetische Kammer ... Schlange?«, wiederholte Jenna und sah ihn ungläubig an. »Sep, was um alles in der Welt hast du gemacht? Du wolltest doch nur ein Buch holen.«

»Schon, aber dann hab ich Beetle getroffen und eins kam zum andern.«

Beetle stand verlegen daneben. Er fühlte sich hier im Zaubererturm wie ein Fisch auf dem Trockenen, noch dazu in Gegenwart der Prinzessin, obwohl diese – natürlich – keine Notiz von ihm nahm. Und sein bester Freund Sep war plötzlich ein ganz anderer und nicht mehr der Junge, mit dem man herumalbern und den man mit Fruchtblubber bespritzen konnte.

»Oh, guten Tag, Beetle«, sagte Jenna.

»Wie ... woher weißt du meinen Namen?«, stammelte Beetle verwundert.

»Ich habe ihn auf dem Fußboden gelesen«, grinste Jenna, »und mir gedacht, dass du das bist. Du siehst genauso aus, wie Sep dich beschrieben hat.«

»S... Sep hat dir von mir erzählt?« Beetle wurde rot.

»Aber natürlich. Du bist doch sein bester Freund.«

»Oh ...« Beetle wusste nicht, was er sagen sollte. Er folgte Septimus und Jenna zu der silbernen Wendeltreppe und fiel vor Überraschung fast herunter, als sie sich zu drehen begann. Bis sie oben ankamen, war ihm ganz schwindlig. Dann lieber jeden Tag runter in die Eistunnel, dachte er bei sich und taumelte hinter den beiden her. Gleich darauf blieb ihm die Spucke weg. Er stand vor der dicken lila Tür, die in Marcia Overstrands Gemächer führte. Es war nicht zu fassen: Er stand tatsächlich auf dem obersten Treppenabsatz im Zaubererturm vor der Tür der Außergewöhnlichen Zauberin. Niemand, nicht einmal der alte Foxy kam bis zum obersten Treppenabsatz! Wenn sie die Außergewöhnliche sprechen mussten, wurden sie stets in der Großen Halle empfangen. Höher hinauf kamen sie nie.

Catchpole döste auf seinem Stuhl. Septimus schritt an ihm vorbei, und wie gewöhnlich erkannte die schwere lila Tür in ihm den Lehrling. Sie öffnete sich, und Septimus bugsierte Beetle mit einem freundlichen Klaps über die Schwelle. »Rein mit dir«, sagte er grinsend. »So nobel ist es hier nun auch wieder nicht.«

Das war es mit Sicherheit nicht. Marcias sonst so ordentlich aufgeräumtes Zimmer bot ein Bild der Verwüstung. Zertrümmerte Möbelstücke lagen auf dem Fußboden verstreut, dazwischen die Scherben zerbrochener Gläser, Teller und Vasen.

Beetle sagte nichts. Soweit er wusste, sah es in der Wohnung der Außergewöhnlichen Zauberin immer so aus, und von seinem Onkel, der drüben in den Anwanden Wohnungsräumungen durchführte, hatte er so manche Geschichte darüber gehört, wie Zauberer hausten.

»Was ist denn hier passiert?«, rief Jenna.

Septimus schluckte. Es fehlte etwas. Ein Gegenstand, der den Raum fast ein Jahr lang beherrscht hatte, war verschwunden. Und dann erkannte er, dass der Gegenstand noch da war, nur nicht mehr in einem Stück. »Der Schattenfang«, stieß er hervor, »in seine Einzelteile zerlegt. Und ... und wo ist Marcia?«

»Vielleicht hat der Schatten sie gekriegt, Sep ...«, flüsterte Jenna. »Sieh mal da!« Sie fasste Septimus am Arm und deutete auf einen Haufen lila Vorhänge, die vom Fenster gerissen waren. Der Haufen bewegte sich. »Der ... der Schatten. Er ist da drunter.«

»Nichts wie raus«, rief Septimus. Doch als sie in Richtung Tür zurückwichen, kam das Ding unter den Vorhängen schnell auf sie zu, stolperte über einen Haufen zerfetzter Kissen, knallte gegen einen Tisch und warf ihn um.

»Oh, Feuerspei, du ungezogener Drache«, stöhnte Septimus halb erschrocken, halb erleichtert. »Was hast du nur getan?«

Als Feuerspei seinen Namen hörte, kroch er unter den Vorhängen hervor. Der Drache, mittlerweile so groß wie ein kleines Pony, wedelte beim Anblick seines Herrn freudig mit dem Schwanz und kam durchs Zimmer gewatschelt, um ihn zu begrüßen.

»Sitz, Feuerspei! Sitz!«, befahl Septimus, ohne den geringsten Erfolg. Feuerspei rieb den Kopf an seinem Kittel und klopfte mit dem Schwanz so heftig auf den Boden, dass von der Erschütterung Ruß aus dem Kamin rieselte.

»Ist das dein neues Haustier, Septimus?«, fragte eine vertraute Stimme hinter der Rußwolke hervor. Alther rappelte sich vom Rost hoch und schwebte aus dem Kamin. »Ich staune. Wie hast du Marcia dazu gebracht, dass du hier einen Drachen halten darfst? Ich ziehe den Hut vor dir – jedenfalls würde ich es tun, wenn ich einen hätte. Ah, guten Tag, Prinzessin. Und auch dem jungen Mann aus dem Manuskriptorium.«

»Guten Tag, Alther«, sagte Jenna, die dankbar war, dass er, wie so oft, genau in dem Moment auftauchte, wenn man ihn brauchte. Beetle war sprachlos und brachte nur ein schwaches Lächeln zustande.

Septimus sagte nichts. Er rangelte mit Feuerspei um ein Teil des Schattenfangs, das der Drache offensichtlich zernagen wollte. Septimus entwand ihm die lange, schwarze Stange, doch der Drache schnappte sie ihm wieder weg und schlug dabei mit dem Schwanz mitten durch Althers Knie.

Alther mochte es nicht, wenn er durchquert wurde. Ihm wurde davon immer schlecht. »Du solltest dir wirklich das Draxx besorgen«, brummte er gereizt.

»Ich weiß«, erwiderte Septimus. Mittlerweile hatte er mit Feuerspei einen Kompromiss geschlossen. Der Drache behielt eine Hälfte der Stange und er die andere. Septimus betrachtete seine Hälfte erschrocken.

»Alther«, sagte er, »da ist etwas drin ... Es sieht aus wie ein Knochen.«

Septimus Heap 02 - Flyte
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